SENEGAL-EINDRÜCKE und KRITIK

  • Ich, der TUBAB. Tubab! Tubabab….“Tubab“, was auf Wolof, der am meistgesprochensten Sprache Senegals, soviel heißt wie: der/die Weiße. Sieht man mich allein in kleinen Dörfern wie Tempoul an der großen Küste Senegals herumspazieren, ruft mir groß und klein dieses Wort hinterher. Ich werde davon ziemlich missmutig, ist es doch wieder mal ein Zeichen, wie sehr die Hautfarbe auf den ersten Blick Aufsehen erregt und Unterschiede kreiert. Ich werde hier mit meiner Haar – und Hautfarbe zwar nicht unbedingt „rassistisch“ diskriminiert, werde nicht (wie es dunkelhäutigen Menschen ja bekanntermaßen oft in Europa passiert) böse oder abschätzen angeschaut oder beschimpft. Nein, im Gegenteil, ich bin immer herzlich willkommen. Aber das Anders-Sein bleibt bestehen. Der/die Weiße, der mehr zahlen muss für Taxis, da er ja Geld hat. Der/die Weiße, der weniger für frische Minze im Kiosk zahlen muss, damit er einen guten Eindruck vom Senegal bekommt und weitere Touristen herbringt. Der/die Weiße, dem/der sowohl Mann als auch Frau oftmals zuerst die Frage stellt, ob er/sie denn verheiratet sei – bei einem Nein wächst sofort die Hoffnung, den/die hellhäutige zum Mann/zur Frau zu nehmen um damit ENDLICH eine Chance zu bekommen, nach Europa zu ziehen. Der/die Weiße, der/die Erstaunen hervorruft, wenn er/sie auf der Tanzfläche genauso abgeht wie der/die SenegalesIn. Wow, das ist nicht normal! Es herrscht zwar keine strikte, apathische Separation wie in Südafrika, die Tubab -Sonderstellung ist aber auf den ersten Blick existent und schafft Differenzen.
  • Der Islam ist von 90 Prozent der Bevölkerung vertreten und wird offen ausgelebt – der Ruf des Muezzins ist allgegenwärtig und sogar eine Art westafrikanisches Mekka gibt’s, die heilige, unabhängige Stadt TOUBA, in welcher man die größte Moschee Afrikas findet. Doch werden alle anderen Religionen nicht nur akzeptiert sondern lebhaft integriert. So werden alle religiösen Feste sowohl von Christen als auch von Moslems gefeiert, man lädt sich gegenseitig zum Essen ein. Diese Offenheit ist wohl auch bei dem ersten Präsidenten des unabhängigen Senegals zu verdanken, S. Senghor, welcher katholisch war und von vielen im Land verehrt wird. Anders als in anderen, muslimisch geprägten Ländern in denen ich bisher gereist bin, ist die Politik so gut wie nicht mit der Religion verknüpft. Ein säkular, oder gar laizistisch geführter Staat wird von der Bevölkerung bevorzugt, ganz nach dem Vorbild des Kolonialherren Frankreich[1]. So laufen Frauen freizügig auf der Straße herum, kurze Kleider, Schulterfreie, bunte T-Shirts: alles normal. Die Stelle im Koran, die besagt, dass die Frau ihren „Schmuck“ bedecken soll wird hier anders interpretiert bzw. nicht so streng genommen wie es so in Teilen der Länder des vorderen Orients der Fall ist und durchaus toleranter auftritt. Es ist sogar andersherum sehr viel offener als z.B. im christlichen, konservativen Deutschland: das sexy, wilde, teilweise gar „vulgäre“ Tanzen ist Teil der Tradition, wer am besten mit dem Hintern wackeln kann, wird am besten angesehen. Sowohl für Mann sowie Frau. Auch Feste und Feten mit viel „Gazelle“ (Biermarke) findet man überall, viele sympathische Kneipen. Alkoholverbot für Moslems? Naja, wen interessiert’s? Zusammengefasst bedeutet dies, dass der Spaß hier an oberster Stelle steht und der Koran nicht nach allen Regeln befolgt wird. Trotzdem hat der Glaube an Gott eine hohe Priorität, ist nur mit der Tradition weit offener Verknüpft als ich es in anderen muslimisch dominierten Ländern vorgefunden habe. Schlussendlich kann man sagen, dass die Religion hier weniger prägend Leben und Alltag beeinflusst.
  • Sénégal, la liberté. Sénégal, la simplicité. Senegal, das „Schlaraffenland“, in dem man tun und lassen kann, was man will? Willst du Geld verdienen, gehst du fischen oder auf einem der riesigen Märkte Gemüse und Handys verkaufen, willst du Yoga unterrichten oder Fahrstunden geben, tust du dies ohne Bescheinigung – und ganz ohne dies vorher bei irgendeinem Amt anzumelden. Willst du Reisen, musst du nicht drei Monate vorher den günstigsten Zug heraussuchen, nein, du gehst einfach zum Gare Routiere und schnappst dir ein Kollektiv-Taxi. Mit diesem tollen, einfachen Transportmittel kannst du (zu acht in ein fünf-Mann-Taxi gequetscht bei heißestem Wetter) günstigst durchs ganze Land reisen! Das einzige, was du benötigst, ist Zeit, Geduld und Toleranz: Es passiert so zum Beispiel, dass man drei Stunden wartet, bis das Taxi mit Menschen gefüllt ist, erst dann fährt es nämlich ab. Oder das niemand eine andere Sprache als Wolof spricht, wild auf dich einredet und du eigentlich so mäßig nix verstehst. ODER, dass ein alter, schwitzender Mann neben dir sitzt, laut telefoniert und eigentlich Platz für drei einnimmt. Doch stellt man sich auf das alles ein, ist es wunderbar, abenteuerlich und super einfach auf diesen Weg das ganze Land zu entdecken – spontan und frei von offiziellen Barrikaden. Auch in Pikine, dem größten Banlieu Dakars, fühlt man sofort das „einfache“ Leben. Menschen, die riesige Dinge auf dem Kopf transportieren (wofür denn auch Geld für eine Plastiktüte ausgeben?) und sich bunte Tücher als Kleidung umbinden (Anzüge sind überbewertet). Touba-Kaffee gibt’s an jeder Ecke in kleinen Karren, Frauen flechten sich die Haare während sie Erdnüsse verkaufen. Ist der Minibus überfüllt (was eigentlich immer der Fall ist), springt man hinten auf und klammert sich an die Tür. Zum Essen sitzt die ganze Familie draußen auf dem Boden und isst den Reis-Gemüse-Fisch-Mix mit der Hand. Bei Bauchschmerzen greift man nicht etwa zu Antibiotika, nein, man präpariert einen Baobab-Saft, einen Saft aus der „heiligen“, überall gegenwärtigen, weiß-mehligen Frucht. Trinkt man den, sind die Schmerzen weg. Glaubt man dran, funktioniert‘s. Auch Zeit spielt keine große Rolle, ist man spät dran, kommt man halt zu spät. Und jetzt, wen störts?! Die ganze „Buisnesswelt“ in der sich jeder anpasst, bloß nicht auffallen will und nur Hugo Boss trägt, scheint ganz weit entfernt. Es ist einfach, es ist schön, ohne Stress. Die Freiheit für mich besteht darin, dass es als positiv angesehen wird, wenn man einfach lebt, und keine abschätzende Blicke zur Folge hat. Jedoch stellt dieses stressfrei-schöne Leben zwar den Großteil Senegals, jedoch nicht ganz Senegal dar. Es gibt Ausnahmen wie die Megacity Dakar, in der Stress dominiert, es viele Firmen und ganze Ausländerdistrikte gibt. Sprich, dort fühlt es sich an, wie in New York oder gar Paris, durchaus westlich und hektisch. Auch in der künstlerischen Kleinstadt St. Louis fühlt man sich mehr wie in Europa als sonstwo – überall schicke Galerien, Boutiquen, Ruhe und Ordnung, viele Franzosen. Schon nach zwei Tagen dort fühlt man sich wie in Lyon – und vermisst die belanglose, wilde und einfache Atmosphäre Pikines.
  • Wertevorstellung, die erst einmal nicht zu kritisieren sind – positives Denken, Kollektivismus und die Gastfreundschaft – stehen hier im Senegal an erster Stelle. Konkret bedeutet dies zum einen, dass vieles sehr leicht genommen wird – es jedoch auch oft an Kritik fehlt. Die hohe Arbeitslosenrate und Armut wird so schlichtweg als Fakt hingenommen und weggelächelt. Jeden Tag wird aufs Neue nach Möglichkeiten gesucht, sich plus Großfamillie zu ernähren, man gibt nicht auf, das Lächeln bleibt im Gesicht. Den bettelnden Straßenkinder, die an den Fensterscheiben von wartenden Taxis kleben und traurige Gebete singen (und mir dabei ziemlich Angst einjagen, erinnert mich dieses Szenario an Horrorfilme meiner „Jugend“) wird auf die Schulter geklopft und zugelächelt. Nicht aber wird jedoch der Grund dafür gesucht oder versucht, das Problem an der Wurzel zu fassen – welches vor allem an der schnell wachsenden Einwohnerzahl liegt (allein die von Dakar hat sich in den letzten dreißig Jahren fast verdoppelt). Ein Vater mit acht Kindern (von jeder seiner drei Frauen) ist durchaus normal und wird hoch angesehen. Auch weil die Kinder das Geld für die Eltern einbringen sollen (und nicht etwa andersherum). Was jedoch immer unrealistischer wird, da mit mehr Kindern nicht zwangsläufig auch die Jobstellen mehr werden. Große Familien sind der Stolz von jedermann – so rückt die Gruppe und Gemeinschaft zwar in den Vordergrund, das Individuum findet so aber keinen Platz. Allein sein? Zeit für sich haben? In einem kleinen Raum für zehn Leute schlicht unmöglich. Alles bleibt so in seinem Rahmen, niemand bricht aus dem System, es gibt keine Erneuerungen und kein Queerdenken. Auf der anderen Seite hilft aber auch jeder jedem, jeder wird akzeptiert und ist willkommen, jeder ist offen für ein Gespräch. Am Tag sagt man unzählige Male „Salam, nangadef (wie geht’s)? Alhamdullilah (Gott sei dank)!“. Jeder kennt jeden, hat Beziehungen. Man weiß, zu wem man hingehen muss, wenn man Hilfe benötigt, das ganze Leben ist ein Einziger Austausch. Beispiel: Braucht man einen Trommler für die nächste Feier, fragt man einen seiner Nachbarn. Als Dank für seine Hilfe leiht man ihm am nächsten Tag seine Kulosche, den Pferdekarren. Dieses sympathische Austauschsystem funktioniert wunderbar, meist ohne Geld. Auch weil jeder irgendwas zu bieten hat oder irgendwas kann. So entsteht eine starke Gemeinschaft, auf die man sich sehr gut verlassen kann (Positivbeispiel) und in der auch Tubabs und andere Fremde (wie ich es erlebt habe) immer willkommen sind und sich sofort wohlfühlen, überwältigt von der Teranga, der Gastfreundschaft.
  • Die Franzosen sind die Helden, mal wieder. In ganz Senegal ist die Frankophonie, die ein Brandzeichen der Geschichte ist, noch deutlich zu spüren: Französisch ist Amtssprache, offizielle Zweitsprache jedes Bewohners und sowohl der Schulunterricht als auch Nachrichtensendungen und das Gesetzbuch sind nur auf dieser Sprache vorhanden. Das die Unabhängigkeit erst genau 60 Jahre her ist (1957), ist deutlich bemerkbar. Um diesem immer noch so stark ausgeprägten Einfluss auf den Grund zu gehen, lohnt es sich, einmal einen kurzen Blick auf die nahe Geschichte zu werfen. Senegal hat eine durchaus interessante Vergangenheit, die in vielerlei Hinsicht noch bis in die Gegenwart reicht. Sie erzählt von Massenhaften Sklavenverschleppung im Jahrhundert, bei der zigtausende Senegalesen von der Insel Gorée (nah Dakar) geradewegs nach Amerika transportiert wurden, wo sie auf Feldern und in Mienen eingesetzt wurden. Bald darauf kam es zur Kolonisation durch Frankreich, welches zum Großteil Senegalesen im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland einsetzte, Französisch zur Amtssprache machte, das französische Bildungssystem einführte undundund. Dies alles ist heute noch mehr als aktuell. Die Jugend kann kein Englisch sondern Französisch und ist auch überaus stolz darauf, es gibt keinerlei Aufbegehren oder Kritik an dem Einfluss. Französisch ist „schick“ und „gebildet“, wer der Sprache nicht mächtig ist (oder sie gar im täglichem leben verwendet), hat es im Leben zu nix gebracht und keine Zukunftsperspektive. Auch wirtschaftlich ist der Westafrikanische Staat noch stark von Frankreich abhängig, als Haupthandelspartner und Unterstützer. Auch hier stellt die Sprache ein Problem dar, da z.B. Firmen im Rest der Welt selten Fuß fassen, oft aufgrund von Kommunikationsbarrieren. Das „Paradies Europa“ wird oftmals auf Frankreich reduziert – und dabei wird alles Übel der Geschichte verdrängt und nicht mehr kritisiert. Hinzu kommt, dass diese Denkweise auch andersherum noch stark existiert: die Küste Senegals ist einer der beliebtesten Urlaubsorte für Franzosen – in der Stadt Saly habe ich mich so regelrecht „Alleine unter französischen Rentnern“ gefühlt, so überwältigend groß war der Anteil dieser dort. Senegal ist günstig, es gibt tolle Strände, die Sonne scheint verlässlich. So promenieren 70-Jährige, RayBan tragende Franzosen an der Strandpromenade entlang, hinter ihnen herlaufend ein Senegalese, der die Taschen trägt. Warum erinnert mich dieses Bild nur allzu verdächtig an jenes, was ich aus Reportagen aus der Sklavenzeit kenne? So ist die Unabhängigkeit zwar offiziell, aber noch nicht im realen Leben angekommen.
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    Anderes Beispiel dafür, dass der Franzose sich noch immer wie der „Herr im Haus“ fühl, ist eine Begenung in einer Bibliothek von St. Louis. Ich betrat den Laden und wurde von einer alten Franzosin mit einem Lächeln begrüßt. Kurze Zeit später betrat ein freundlich und gebildet wirkender, dunkelhäutiger Mann in den Laden – welcher von der Verkäuferin kurz gemustert, jedoch nicht weiter beachtet wurde. Nur ihre Ignoranz bekamm er zu spüren. Er nahm sich ein Buch von Hegel und setzte sich hin zum Lesen. Weitere wenige Minuten später entschuldigte sich die Frau bei mir, sie müsse kurz auf Toillette und würde bald wiederkommen. Ich nickte mit dem Kopf. Wieder wandte sie sich ausschließlich an mich und betonte damit ihre Missachtung gegenüber des Mannes. Nach dem Verlassen des Raumes herrschte kurze Zeit Stille, dann fing der Mann an
    zu sprechen – mehr zu sich selbst als zu mir – und sich über dieses Verhalten zu entrüsten. Wir kamen ins Gespräch und er, welcher ein Philosophieprofessor an der angrenzenden Uni war, erzählte mir von sich häufenden Situation wie dieser. Er war enttäuscht und beleidigt. Ich wurde wütend aufgrund seiner Geschichten und fing an, mich fremdzuschämen für das unglaubliche Verhaltens dieser Frau. Und ja, auch wenn es nur kleine, leicht zu ignorierende Alltagsdinge sind, spiegelt sich in ihnen die auf Geschichte, Macht und Rassismus beruhende Einstellung wieder, die in den Köpfen selbst dieser noch existiert, die im Senegal leben. Dem Land, welches so viel durchgemacht hat, so freudig und beachtenswert ist. Diese Einstellungen gilt es, zu hinterfragen.

 

[1] http://www.kas.de/wf/de/33.2663/

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